Wie Freundschaft meine Welt verändert

„Der durchschnittliche Facebook-Nutzer hat rund 200 Freunde“, lese ich in einem Zeitungsartikel über das Soziale Netzwerk. Ich beginne zu überlegen, zähle in Gedanken meine Freunde, erstelle eine imaginäre Liste und schlussendlich offenbart der Blick auf mein Mobiltelefon und in die Facebook-App die traurige Gewissheit: Ich habe nur 89 Freunde.


Verwundert und irritiert sitze ich da. Ein wenig Scham mischt sich unter die Nachdenklichkeit, was das denn nun zu bedeuten hat.  Habe ich zu wenige Freunde? Was ist ein Freund? Und bin ich etwa einsam? Ich rufe Philipp an, wie ich es immer tue, wenn Rat gefragt ist. Ein Griff zum Telefon, Kurzwahl angeklickt und es läutet. Philipp hat prinzipiell immer Zeit um etwas zu unternehmen: Ein Bier in unserem Stammlokal, mit dem Longboard quer durch die Stadt oder auch einfach mit dem Auto raus an den See um zu reden. Als ich vor einem halben Jahr eine halb leergeräumte Wohnung vorfand und feststellen musste, dass meine Freundin ausgezogen war, war es Philipp, der kurz darauf in der Wohnung stand. Ich saß auf der Couch, den Abschiedsbrief hielt ich zerknittert und abgriffen in den Händen. Hunderte Male hatte ich ihn bereits durchgelesen und wusste weder, wie es weitergehen soll, noch was ich tun konnte um den dumpfen Schmerz in mir zu lindern. Philipp ist kein Freund der großen Gesten, er schwang keine großen Reden um mich zu trösten oder aufzumuntern. Er setzte sich neben mir auf die Couch und wartete. Als ich ihn fragte, warum er nichts sagte, antwortete er:

„Sind wir doch mal ehrlich, das würde auch nichts ändern. Ich kenn das, ich hab das auch schon durchgemacht. Wenn du reden willst, dann reden wir. Wenn nicht, dann sitzen wir herum.“


Heute muss ich bei dem Gedanken an diesen Moment grinsen, denn lange konnten wir unser Schweigegelübde nicht einhalten und einer von uns begann völlig unvermittelt laut zu lachen. Es war das Richtige in diesem für mich so schmerzvollen Moment. Als das Klingeln unbeantwortet bleibt und sich nach wenigen Sekunden die Mobilbox einschaltet, lege ich das Telefon enttäuscht auf den Tisch. Die unbeantworteten Fragen rotieren weiter in meinem Kopf. Vielleicht sollte ich Mathias fragen. Ganze Nächte vergehen zuweilen, wenn wir uns beide in Rage diskutiert haben und die verschiedensten Themen besprechen. Mit niemandem sonst lässt es sich so vortrefflich diskutieren. Dass es der jeweils andere manchmal nicht ganz so ernst meint, hilft auch die etwas heikleren Themen abzuarbeiten. Genauso wie die Flasche Wein, die Mathias für gewöhnlich mitbringt, wenn er abends, auch mal unangekündigt, vor meiner Wohnungstüre steht.


Und Andreas schläft vermutlich noch, denn gestern war es wieder spät geworden. Die Feste müsse man bekanntlich feiern, wie sie fallen. Mit Andreas hat man immer etwas zu lachen, genau die richtige Ablenkung, die man nach einem anstrengenden Tag braucht. Der stets gut gelaunte Freund aus der gemeinsamen Studenten-Wg hat schon etwas Imponierendes an sich, wenn er am Tresen unseres Stammlokals steht und ihn schier garnichts aus der Bahn werfen kann. Was mir an Unberührbarkeit und Spontanität fehlte, kompensieren die gemeinsamen Stunden mit Andreas. „Wieso darüber nachdenken, wie man etwas macht, wenn man es doch einfach tun kann“, sagt er für gewöhnlich. Ich sollte auch jetzt seinem Rat folgen und mir nicht weiter den Kopf darüber zerbrechen und schreibe ihm trotzdem eine SMS – es kann ja nicht schaden. Und weil ich gerade das Telefon in der Hand habe, schicke ich noch eine Email an Thomas, der gerade mit seiner Freundin in Urlaub gefahren ist. Schade eigentlich, letztes Jahr waren wir noch gemeinsam in Kroatien und hatten in wenigen Tagen sowohl den kleinen Ferienort, als auch unsere angemietete Wohnung verwüstet. Bevor ich das Email absende, füge ich noch schnell ein Foto von der halbleeren Zigarettenpackung auf dem Tisch hinzu. Eine Erklärung ist nicht nötig, wir verstehen uns blind, in gewissen Situation auch ohne ein Wort zu wechseln. Eine Geste, ein Blick oder ein Bild genügen. Immer weiter spinnt sich diese imaginäre Liste vor meinen Augen, Erinnerungen, Bruchstücke von Ereignissen und Gefühle flackern auf und weitere Personen fallen mir ein, die ich allesamt zu meinen Freunden zähle. So wird mir klar, dass meine Liste wohl niemals an die errechneten 200 Facebook-Freunde heranreichen wird, aber bei genauerer Betrachtung bin ich froh darüber. 89 oder 200 – es sind nur Zahlen. Digitale Verbindungen zu Menschen, die ich irgendwann aufgrund von Interessen, loser Bekanntschaft oder auch nur aus purer Höflichkeit heraus hinzugefügt hatte.


Schlussendlich sind es nur komplexe Algorithmen und binäre Berechnungen, die mir eine imaginäre Zahl vorgaukeln und mir zeigen wollen, wie wichtig die Anzahl meiner Freunde ist. Dabei bleibt diese Zahl ohne Bedeutung und ohne Gewichtung. Wie stark, wie intensiv, wie wertvoll und wie lange diese Freundschaften sind und mittlerweile halten und so zu der Verbindung aus Vertrauen, Sympathie und Empathie geformt wurden, erschließt sich in der Qualität der Freunde, egal ob es dich dabei um einen oder Hunderte handelt.
Manchmal genügen wenige Freunde, die zur rechten Zeit da sind um Trost oder Aufmunterung zu spenden. Oft bedarf es auch keines Wortes, sondern nur der Anwesenheit eines Freundes. Was nützen mir 200 Freunde, wenn keiner von ihnen schweigt, wenn ich die Stille brauche, wenn mich niemand aufheitert, wenn ich traurig bin, wenn niemand meine Sprache spricht und meine Gefühlslage versteht.


In diesem Moment erkenne ich, dass Freundschaft kein quantitativer Wert ist. Philipp weiß, wann er etwas sagen muss oder nicht. Mathias kann mich mit Fragen und Debatten fordern. Andreas erkennt, wann ich Ablenkungen nötig habe und wie er mich aus den Gedanken reißen kann und mit Thomas teile ich eine gänzlich uns eigene Art der Kommunikation. Freundschaft ist vielerlei Schönes, so manches Besonderes und Eigenes, aber mitunter auch all die kleinen Dinge, die wir durch eine gemeinsame Geschichte, gemeinsames Erleben und Erfühlen voneinander gelernt haben. So reichen mir meine Freunde. Philipp, Andreas, Mathias, Thomas und so viele andere Ungenannte, die meine Welt in jenem Moment bereichert haben, in dem sie in mein Leben getreten und zu meinen Freunden geworden sind.

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