Fragment 411 – Nachts

Ich gehe durch die Nacht, durschreite die großen Lichtkegeln der Straßenlaterne. Schritt für Schritt, die Musik in den Ohren, ich höre das Auftreten der Schuhe auf den rauhen Beton des Gehsteiges nicht und dennoch nehme ich es wahr.

Ganz eigentümlich als dumpfes Schlurfen, gebrochen vom Kratzen der kleinen Kieselsteine, die sich in den Rillen der Schuhsohlen festsetzen. Ich höre es nicht, der dumpfe Bass, die hellen elektronischen Klänge aus den Kopfhörern nehmen mir diesen Aspekt der Realität, den ich mit meinen eigenen Vorstellungen, den Erinnerungen und Erwartungen wieder auffülle. Die Musik begleitet mich. Und dennoch ist es nicht die Realität, die meinen Weg vorgibt. Es sind die Vorstellungen, nach denen ich jede Bewegung ausrichte.
Mit jedem Schritt, jeder Bewegung sehe ich von aus, ich vergrößere die Distanz zu mir, sehe die Person, die unter dem fahlen Licht dahinschlendert, getrennt von der unwirklichen Projektionsfläche hinter der mein wahres Ich sitzt und sich diese Vorstellungen ansieht. Es ist ein Film, den ich mir vorstelle. Lose Bewegtbilder, deren ich keine Handlung zuordnen kann. Nur kurze Segmente, Bewegungen, Szenen, die ich erlebe.
Stunden später sitze ich im Zimmer. Der helle Bildschirm des Computers wirft Licht gegen mein Gesicht und Schatten fallen hinter meinen Rücken gegen die weißen Wände des Zimmers. Eine weitere Szene, ich höre nichts. Nur das Klappern der Tasten, verschieden hohe und tiefe Töne unterbrochen vom Nichtstun, vom Nachdenken, welche Worte ich als nächstes schreiben werden. Ich versuche etwas zu schreiben und in Wahrheit stelle ich mich selbst nur wiederum einer Szene zur Verfügung. Ich betrachte mich aus der obersten Ecke des Zimmer, dem letzen Winkel, der fiktiven Kamera den Rücken zugewandt. Dunkel, das Gesicht im Weiß des Lichtes getaucht, die Augen auf die Zeilen am Bildschirm fokusiert. Ein Schnitt, der kleine blinkende Cursor, der sich rasch Buchstabe um Buchstabe weiterbewegt mit jedem Gedanken, der seinen Ursprung in meinem Geist nimmt, über die unkoordinierten Bewegungen der Finger und deren Druck auf die Tasten in elektronischen Signalen schließlich auf der weißen Fläche zu lesen ist. Erst dann ergeben sie einen Sinn. Schnitt. Die Augen schmal, die Helligkeit sticht, die Pupillen verfolgen konzentriert Wort für Wort. Die Nase rümpft sich, man riecht den Zigarettenrauch, leicht erkennt man die aufsteigenden Rauchschwaden, die sich mäanderformig in die Höhe bewegen und schließlich nur noch den Geruch des Tabaks zurücklassen, wenn sie sich in der kühlen Abendluft, die durch das Fenster strömt verflüchtigen.
Mein Ich wendet sich anderen Dingen zu, weg von der schreibenden Gestalt im dunklen Zimmer, hinaus in die kühle Nacht. Ein langsamer Schwenk, vorbei an den offenen Fensterflügeln, durch die Rauchschwaden hindurch. Hinaus auf die Straße, die kaum befahren wird, die Oberleitungen der Busse hängen spannungslos herum, die Laternen sind eingeschalten, die nachtaktiven Insekten umkreisen die gelben Scheinwerfer. Immer höher hinauf, vorbei an den Bäumen, deren vereinzelte Äste weit hinaus reichen, über die Straßen, hinter der sich Reihe um Reihe von Häusern erstrecken, getrennt von Bäumen, vereinzelten und ohne System angeordneten Straßen, immer weiter erstreckt sich das Panorama dieser Stadt. Vereinzelt beleuchtet und doch immer kleiner, bis es nur noch ein loses Wirrwarr an hellen Punkten gibt. Und irgendwann nur noch ein einheitliches Schwarz der Nacht.