Einsam und abgeschieden

Die Hälfte unserer Reise liegt hinter uns – hinter der „Großstadt“ Reykjavik liegen Einöde, dünn besiedelte Gebiete und Gegenden, in denen die Natur die Überhand genommen hat. Die wenigen Häuser, die man vereinzelt in den Landstrichen wahrnimmt, sind verfallen oder es stellt sich einem  zumindest die Frage, wie man es in dieser Einsamkeit nur aushalten kann.

Wir sind mittlerweile im Nord-Osten der Insel angekommen – hinter uns liegen die größten Touristen-Magnete, Wasserfälle, schwarzer Sandstrand, Geysir. Rund 1.000 Kilometer lang führte uns die Reise nun schon durch die mannigfaltigsten Landschaften, die Island zu bieten hat. Aber erst hier, etwas abgeschiedener vom pochenden „Großstadt“-Herz Reykjavik, bemerkt man, dass die Natur den Kampf gegen Zivilisation und der menschlichen Besiedelung gewonnen hat bzw. dabei ist, sich den Raum zurück zu holen.

Wir überqueren die Hochebene – keine Wiesen, keine Bäume oder gar Sträucher. Hier herrscht nur kahler Stein, hie und da großflächig von Flechten überzogen. Eine Mars-Landschaft durchzogen von einer Straße – aber selbst diese befährt sich so schroff und laut, dass man das Tempolimit nicht überschreiten sollte. Als wenn das Bild nicht befremdlich genug ist, zieht ein kräftiger Wind über Landschaft. Beständiger Druck auf unseren kleinen Mietwagen, Regen – es gibt ihn hier ja doch – peitscht gegen die Wagenseite. Kilometer um Kilometer spulen wir herunter, das Ziel ist die östlichsten Stadt, von der wir den Norden erkunden.

Weiter geht es in die bis dato anstrengendste Etappe der Reise – rund 80 Kilometer über Schotterstraßen liegen vor uns. Als Landkind habe ich so meine Vorstellung, wenn man von Schotterstraßen spricht. Die isländische Ausprägung jener nicht befestigten Straße ist aber noch abenteuerlicher, als ich es mir vorstellen hab können. Noch immer begleitet uns beständiger Regen – Pfützen bilden sich in den Schlaglöchern vor uns, die sich über die gesamte Fahrbahn verteilen – wir rattern und schaukeln langsam über den Weg – Geländewagen rasen förmlich an uns vorbei (Ach, hätte ich beim Mietwagen nicht so geknausert 🙁 )

Es geht eine Stunde oder mehr so dahin – mal langsam, dann kriechend langsam. Immer die Gefahr im Hinterkopf, ein scharfer Stein, ein unvorsichtiges Manöver in ein Schlagloch und ein freigelegter Felsen kostet uns den Reifen. Das Ziel wiegt die Mühen auf. Ein riesiger Wasserfall – laut und ungleich dreckiger als die Exemplare, die uns schon zuvor in Staunen versetzt haben. Wir können uns bis auf einen Meter an die donnernden Klippen nähern – etwas zittrig wird uns schon, hinter uns verschwinden die Wassermassen in einer dichten Nebelwolke.

Abermals nehmen wir den Schotterweg in Kauf und machen uns auf die Suche nach Heilquellen – die Vulkanaktivitäten haben auch ihre guten Seiten. So gibt es unzählige heiße Quellen, die sich quer über das Land verstreuen. Wir besuchen das Myvatn Nature Bath – ein Naturbad im Freien. Bei rund 5°C wird selbst das Umziehen im recht rustikal anmutenden Holzverschlag zur Zitterpartie. Wie immer in Island – auf Anstrengung und Mühe folgt die mehr als lohnende Genugtuung. Heißes Thermalwasser – Blick auf die Vulkanlandschaft.

Während hier oben die Landschaft keine Besiedelung zu lässt, fragt man sich, was die Menschen dazu verleitet, an den entlegenen Fjorden zu leben. Sicher, einige wenige sind etwas stärker besiedelt, hier sind man sogar einzelne Häusergruppen, manchmal eine Tankstelle und Supermarkt – aber phasenweise ist außer einem kleinen Häuschen und vielleicht eine kleinen Landwirtschaft weit und breit NICHTS.

Ich frage mich, ob es denn nicht ohnehin nur Touristen sind, die sich hierher verirren. Lohnt es sich in dieser Gegen seine 10-20 Schafe zu halten? Oder ist hier ohnehin alles von den Einnahmen aus Tourismus und Co abhängig?

Wenn ja, was bewegt die Menschen hier zu leben? Eine bewusste Entscheidung für die Einsamkeit? Eine vererbte Bürde? Der Gedanke „auszusteigen“?

Lebt es sich so abgeschiedenen einfacher oder besser? Was ist mit Kindern? Wo gehen sie zur Schule? Was ist, wenn eines der Kinder mehr will, als den elterlichen Hof, oder die Pension zu führen? Wo zieht es diese hin? Was passiert mit den Eltern?

Viele Fragen, die sich beim idyllischen Anblick stellen – Antworten können uns wohl nur diejenigen geben, die hier tagein, tagaus ihr Leben bestreiten.

 

 

 

 

 

 

 

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