Ein Angebot

Die Nacht war stockdunkel, leicht durchflackert vom Schneefall der das Land dieser Tage heimgesucht hatte. Seine Augen waren zusammengekniffen, jede Flocke reflektierte im Licht der Scheinwerfer. Er hörte das Motorengeräusch, das leise, fast sanfte Dahinrattern, der Reifen auf der Schneefahrbahn.

Die Luft aus den Heizungsschlitzen wärmte ihn, verstärkte die leichte Müdigkeit. Angestrengt blickte er nach vorne. Er hatte kein Ziel, folgte einer Straße nach der anderen. Die Straßenbeleuchtung der kleinen Ortschaften, die er durchquerte, hatte er schon lange hinter sich gelassen. Ein einzelnen Licht, dass in der weißen Dunkelheit umherfuhr. Auf der Suche Antworten. Wie immer mit vielen Fragen und doch so war er sich sicher, war es nicht die Antworten die scheute, sondern die dazugehörigen Fragen, denen er Zeit seines Lebens ausgewichen war. Vielleicht wusste er auch nicht, was er sich fragen sollte um sich selbst die erhofften Antworten zu geben. War es denn nicht auch wider der Natur? Sollte man selbst die Antworten kennen? Was hat das soziale Leben, denn noch für einen Sinn, wenn man nicht darauf angewiesen ist, dass jemand anderer als sein Geist die Antworten gibt. In jener Nacht war es diese spezielle Frau, die ihm die Antwort geben sollte. Vielleicht hatte er die richtige Frage gestellt, vielleicht scheute er die Antwort darauf, falls sie nicht seiner Hoffnung entsprechen würde, und doch konnte er sich wenigstens daran erfreuen nicht vergebens gefragt zu haben.
Er überlegte, was er geschrieben hatte, so weit entfernt hatte er sich schon vom ursprünglichen Gedanken. Ein überlegter Mensch, kalkulierend und doch mit einem spontanem Geist, der jäh vom Gewissen eingebremst wird. Ob sie mit ihm fahren wolle.
Der Bildschirm blieb weiter dunkel. Sein Gewissen plagte ihn. War es richtig, sie zu solch einem Vorhaben einzuladen? Zu voreilig? Unangebracht? Er schätzte und fürchtete ihre Ehrlichkeit zugleich, respektierte ihre Logik, die wie er wusste, solch kühne Pläne mit Argwohn betrachtete, er spürte, wie sie die Frage, nach allen Möglichkeiten sezierte. Spontanität verlangte er nicht, zu selten, war er ebenso nicht dazu bereit. Und doch versuchte er in den Gesprächen mit ihr stets das Unmögliche hervorzuheben, das zwar wider ihrer Logik und doch präsent ist. Paradox und doch musste sie sich doch eingestehen, dass auch sie sich wenn auch nur ein wenig davon verzaubern ließ. Der Reiz, das Absurde der letzten Tage. Er hoffte darauf.
Und sah wieder gebannt auf den Bildschirm. Was würde er machen, wenn sie sich dazu bereit erklären würde, mit ihm zu gehen? Er schmunzelte, so essentiell hatte er die Frage selbst noch nie formuliert und doch konnte er auch diesem Reiz nicht völlig widersprechen. Er beließ es bei seinem Idealismus, alles andere würde ihre geradlinige, trockene und doch so ehrliche Skepsis regeln. Er kannte die Stadt, in die er sie begleiten würde. Ein Kleinstadt im Mantel der Landeshauptstadt. Charmant, nicht überfüllt, nicht mit den argwöhnischen Augen Wiens, nicht die strukturelle Planlosigkeit anderer Städte in diesem Land. Er dachte an die Salzach, die sich unter den großen Fußgängerbrücken hindurchschlängelte, eisigkalt die Stadt durchschnitt. An ihre Ufer, die im Sommer zum verweilen einluden, an die Momente in der prallen Sonne, die kühle Luft vom Fluß mitgetragen auf der Haut zu spüren. Doch eines reizte ihn am meisten. Den höchsten Punkt zu besteigen. Mit ihr den Ausblick zu genießen, eine Stadt zu überblicken, deren Bewegungen zu beobachten, wenn Menschen, Autos, Busse zu diesen kleinen Einheiten werden, die sich gleich einem Ameisenbau aneinandervorbei bewegen. Der Punkt, hell erleuchtet über den Dächern Salzburgs, an dem die Zeit entschleunigt wird. Wenn die Distanz zur Realität, dem Verkehr, dem Ist der Nacht, zunimmt, je weiter man sich entfernt, desto langsamer scheint sich die Welt zu drehen, Menschen zu bewegen, Gedanken zu entstehen. Hier, an jenem Punkt hatte er für diesen Moment die höchste Distanz gefunden, dann würde der Moment mit ihr eine Ewigkeit dauern. Ein Glockenschlag, dessen Hall niemals das schwere Metallkonstrukt verlässt, weil die Schwingung stets erhalten bleibt. So hätte er gerne den Reiz dieser Bewegung erhalten, ihn in diesem Moment ausgekostet, hoch oben über der Altstadt. Und so nah bei ihr.