Auf bald – Teil 1

Ein Buch wird für Menschen geschrieben. Für viele Menschen, obgleich die folgende Geschichte nur für einzige Person ist. Zumindest wird sie die Worte anders lesen, als jeder andere. Sie mögen jetzt dagegenhalten und behaupten, dass jeder Mensch samt seinen Erfahrungsschatz mit der er die folgenden Seiten aufnimmt eine eigene ganz spezielle Geschichte lesen wird. Ja, das mag stimmen. Lesen und erleben, Worte sehen, verstehen und interpretieren ist ein individueller Prozess und doch hat diese Geschichte etwas an sich, einen in ihr zugrunde liegenden Code, der von einer einzigen Person entziffert werden kann.

Ich werden ihnen den Namen dieser Person nicht nennen; ansonsten würde es ihnen ja keinen Spaß machen, die folgenden Gegebenheiten zu lesen. Denn wer weiß, vielleicht sind gerade Sie – ja, ich meine Sie, die da gerade gemütlich im Bett die ersten Zeilen dieser Geschichte lesen – der- oder diejenige, den ein ganz spezielles Leseerlebnis erwartet…
Ihr Haar war blond und reichte bis zum Rücken hinunter. Die wenigen Spotscheinwerfer der Kellerbude, in der ich mich spätnachts eingefunden hatte, warfen nur spärliches Licht in den Wohnzimmer großen Raum im Kellergeschoss eines Wienerszenelokals. Ich musste es wissen, denn es war mitunter auch meine Veranstaltung, zu der sich Freunde, Anrainer und so mancher tanzwütiger Wiener eingefunden hatten. Die Bühne war ein umgeworfenen Metallspint, der beim einsetzen der Bassline zu vibrieren begann. Ein paar Spotscheinwerfer warfen fahle Lichtkegeln in den länglichen Raum hinein, bis nach hinten, wo an den Seiten zwei unbequeme Reihen von Sitzgelegenheiten an die Wand montiert waren. An der kleinen Bar, rechts neben dem Eingang sah ich sie zum ersten Mal. Und ich sah lange hin, so lange, dass es selbst einem Freund aufgefallen war, dass ich ungewöhnlich lange vor mich hinstarrte.
„Kennst du die?“, fragte ich ihn und nickte kurz in Richtung Bar. Ich wiederholte meine Frage, eben jener Freund hatte schon ein oder zwei Bier getrunken, tanzte fröhlich umher und war schon in der Hookline des aktuellen Tracks gefangen. Erst beim zweiten Mal regte er sich, schaute in meine Richtung und nickte.
„Jap, das ist Marie. Die is cool.“, antwortete er kurz. Nun, die Antwort war recht kurz und ehrlich gesagt, ich hatte nur mit halber Aufmerksamkeit hingehört. Ob sie cool war, interessierte mich zu diesem Zeitpunkt nicht, oder um bei der Wahrheit zu bleiben, es war nebensächlich, solange ich sie nicht persönlich kennenlernen würde. Vorerst erschien es mir aber ausreichend, sie mit einem gewissen Sicherheitsabstand zu beobachten. Dass mir schlichtweg der Mut fehlte sie anzusprechen, wollte ich mir in jenem Moment noch nicht eingestehen.
So stand ich da, nippte von Minute zu Minute an meinem Becher mit Weißwein, tanzte ein wenig umher. Der Begriff Tanzen sei an dieser Stelle recht weit ausgelegt zu verstehen, schließlich war mein Platz zu dieser Stunde noch hinter Bühne. Der Laptop, der sich vor mir aufbaute, bot mir aber genau jene versteckte Freiheit, sie anzusehen. Drehte sie sich um, so schaute ich sofort auf das Display und tippte eifrig auf der Tastatur herum, was das Publikum nicht immer guthieß, war ich doch derjenige, der die kunterbunten Visuals auf die Wände hinter und neben der Bühne projizieret. Die Strichmännchen, Bilder und Farbkaleidoskope ließen deutlich die Ordnung und das System vermissen, nachdem ich Marie- jetzt hatte die Unbekannte endlich einen Namen – das erste Mal gesehen. Was für ein Name.
Und er gefiel mir auf Anhieb.

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